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Exkurs III

Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Aktionsforschung

 

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Aktionsforschung und Methoden der empirischen Sozialforschung

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Aktionsforschung als handlungsorientierte Strategie zur sozialen Veränderung

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Aktionsforschung und Positivismuskritik

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Aktionsforschung, Hermeneutik, Existentialismus und Phänomenologie

 

Aktionsforschung und Methoden der empirischen Sozialforschung

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Streng genommen ist Aktionsforschung gar keine Methode, sondern eine Strategie, die Forschung leitet und die Auswahl der methodischen Instrumente bestimmt. Der Aktionsforscher kommt nämlich gar nicht umhin, sich aus dem Instrumentenkasten der empirischen Sozialforschung zu bedienen, wenn er an die empirische Arbeit geht. Er wird in der Regel die Instrumente der qualitativen Sozialforschung vorziehen, da sie ihm unter anderem zur Gesprächsfüh­rung, Moderation von Gruppensitzungen, nicht-direktiven Beratung und Dokumentation seiner Aktivitäten geeigneteres Werkzeug liefert als die quantitative Sozialforschung. Wenn er sich anfangs einen Überblick über die Grundgesamtheit der Population verschaffen will, wird er sich jedoch deren Instrumenten bedienen.

 Da Aktionsforschung keine Methode ist, wird in diesem Beitrag häufig von Methoden der Aktionsforschung gesprochen. Damit sind die Methoden der empirischen Sozialforschung gemeint, die der Aktionsforschung am besten dienen. Sie werden häufig auch von Forschern oder Praktikern der Entwick­lungszusammenarbeit (EZ) ange­wandt, die ihre Forschung oder ihr Handeln an den die Aktionsforschung lei­tenden Prinzipien orientieren. Dazu gehören die folgenden (Klüver/Krüger, S. 76f):

 "a)    Die Problemauswahl und -definition geschieht nicht vorrangig aus dem Kontext wissenschaftlicher Erkenntnisziele, sondern entsprechend kon­kreten gesell­schaftlichen Bedürfnissen. 

b)     Das Forschungsziel besteht nicht ausschließlich darin, soziologische theoreti­sche Aussagen zu überprüfen oder zu gewinnen, sondern darin, gleichzeitig praktisch verändernd in gesellschaftliche Zusammenhänge einzugreifen. 

c)     Die im Forschungsprozeß gewonnenen Daten werden nicht mehr als isolierte Daten 'an sich' angesehen, sondern als Momente eines prozeßhaften Ablaufes interpretiert; sie gewinnen ihren Sinn auf der theoreti­schen Ebene dadurch, daß sie stets mit dem realen Prozeß als Gesamtheit zusammengedacht werden, und erhalten ihre Relevanz auf der praktischen Ebene als konstitutive Momente weiterer Prozeßabläufe. 

d)     Die als Problem aufgenommene soziale Situation wird als Gesamtheit - als soziales Feld - angesehen, aus der nicht aufgrund forschungsimmanenter Überlegungen einzelne Variablen isoliert werden können. 

e)     Die praktischen und theoretischen Ansprüche des action research ver­langen vom Forscher eine zumindest vorübergehende Aufgabe der grundsätzlichen Distanz zum Forschungsobjekt zugunsten einer bewußt einflußnehmenden Haltung, die von teilnehmender Beobachtung bis zur aktiven Interaktion mit den Beteiligten reicht. 

f)      Entsprechend soll sich auch die Rolle der Befragten und Beobachteten verändern und ihr momentanes Selbstverständnis so festgelegt werden, daß sie zu Subjekten im Gesamtprozeß werden."

 

Aktionsforschung als handlungsorientierte Strategie
zur sozialen Veränderung

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Diese Prinzipien kennzeichnen eindeutig ein Wissenschaftsverständnis, das verhindern will, daß Wissenschaft unter dem positiv scheinenden Etikett 'Wert­neu­tralität' als Herrschaftsinstrument mißbraucht werden kann. Deshalb sollen die 'Erforschten', die häufig die Leidtragenden der von Wirt­schaft und Politik getroffe­nen und auf For­schungsergebnis­sen basie­ren­den Entscheidun­gen sind, von vornherein gleichberechtigt an der For­schung mitwir­ken und ihre Interessen ein­bringen. Selbstverständlich empfanden die 'eta­blierten' Sozial­wissenschaften diese Absicht, die das allgemein anerkannte Verhältnis von Theo­rie und Praxis in Frage stellte, als Herausforderung und nutzten jede Schwä­che der frühen Aktions­forscher zu schonungsloser Kritik (z.B. Lukesch/­Zecha).

 Der wissenschaftstheoretische Streit verliert an Kontur, wenn es um die alltägliche Forschungspraxis der Sozialwissenschaftler geht, die stark von Auf­tragsforschung und Politikberatung geprägt ist. Hier gilt zweifellos die Bemer­kung Klüver/Krügers (S. 78): "Aus dieser Forschungs- und Anwendungspraxis kann geschlossen wer­den, daß dort, wo geplanter sozialer Wandel konkret durchgeführt werden soll, der Soziologie eine ... Funktion zukommt, der sie mit einem der Aktionsforschung entsprechenden Ansatz ... eher entsprechen kann als mit Vorgehens­weisen, die erst über die statische Hypothesenprüfung zu Prognosen führen."

 Aktionsforschung führt zu zwei Arten von Ergebnissen: zu Informationen und zu Aktionen. Beide sind miteinander verwoben. Die Informationen betreffen nämlich nicht nur den Zustand, der vor oder während der Forschung be­stand/besteht (statische Fragestellung), sondern auch den Wandel, der von der Forschung ausge­löst und begleitet wird (dynamische Fragestellung). Wandel umfaßt hierbei den Er­werb und die Verarbeitung von Erkenntnis­sen, die Veränderung von Be­wußt­sein und von Handlungs­wei­sen sowie die Hand­lungen/Aktionen selbst. Die Aktio­nen wiederum sind ohne die gewonnenen Informationen nicht denkbar, werden sie doch aufgrund der Analyse solcher durch die Forschung gewon­nenen Informatio­nen geplant, evaluiert und revi­diert.

 Aktionsforschung kann somit auf die Frage nach der Wahrscheinlichkeit oder den Bedingungen von Änderungen der Handlungsweise einer bestimmten sozialen Gruppe kompetenter antworten als andere Forschungsrichtungen, die aus der Analyse vergangener Handlungsweisen (induktiv) Gesetzmäßig­keiten ableiten und auf deren Basis (deduktiv) für den zukünftigen Einzelfall Handlungsweisen voraus­sagen. Aktionsforschung löst bei der in Frage stehenden sozialen Gruppe Hand­lung­en aus und dokumentiert die Faktoren, die die Handlungen bestimmen, und die Bedingungen, unter denen sie zustande kommen. Ihre Antwort ist daher sehr prä­zis. Sie gilt aber nur für die Gruppe, mit der zusammen handlungsorientiert geforscht worden ist. Auf der Basis mehrerer solcher Fallstudien kann es jedoch auch zur Theoriebildung kommen.

 Wie andere Spielarten der qualitativen Sozialforschung isoliert Aktionsfor­schung nicht Handlungen oder Handlungsfaktoren aus einem gesellschaftlichen Zusammenhang, um sie - sozusagen in der Ruhe eines Labors - zu analysieren, sondern zielt auf ein ganzheitliches Verständnis von Situatio­nen und interessiert sich daher für

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die Ursachen, Zusammenhänge und Kontexte von sozialen Tatbeständen,

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die Erfahrungen, die von der untersuchten Gruppe bereits bei der Änderung von Handlungsweisen gemacht wurden,

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die subjektive Sichtweise und die Werte der Gruppe, die Einordnung der Tatbestände in deren Lebenswelt und ihre Deutung aus dem Alltagswissen der Gruppe.

Dies alles ist selten spontan abfragbar, weil die Gruppe sich über viele der genann­ten Fragen selbst (noch) nicht klar ist, z.B. weil sie bisher über die Ursachen eines bestimmten Zustands nicht systematisch nachgedacht hat. Des­halb müssen die 'zu Erforschenden', der Forschungs'gegenstand', Partner des Forschers werden. Nur gemeinsam haben sie eine Chance, die Situa­tion ganzheitlich zu erfassen. 

 

Aktionsforschung und Positivismuskritik

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 Aus den obengenannten Ausführungen geht hervor, dass die Aktionsforschung in Opposition zum positivistischen Wissenschaftsverständnis und desssen Postulat der Wertneutralität, Objektivität und Allgemeingültigkeit der wissenschaftlichen Forschung steht.

Demgegenüber betonen Vertreter der Aktionsforschung die subjektive Einbindung des Forschers in den sozialen und historischen Kontext und die Situationsbedingtheit insbesondere in der Sozialforschung :

 

"Abandonner l'idée newtonnière de ce qu'une théorie scientifique devrait être: universelle, déterministe, fermée, d'autant plus objective qu'elle ne contiendrait aucune référence à l'observateur, d'autant plus parfaite qu'elle atteindrait un niveau fondamental, échappant à la morsure du temps:" (Prigogine und Stengers, in: La nouvelle alliance, métamorphose de la science, Poitiers 1979)

 

"Susman et Evered (1978) situent la recherche-action en opposition à la science positiviste. Ils rejettent, pour l'étude de l'action humaine et de ses effets, la conception de l'explication scientifique positiviste d'un cas particulier par une loi générale. Selon ces auteurs l'action humaine se caractérise par son aspect événementiel, par le rôle qu'y jouent les valeurs, les coryances, les finalités et la rationalité des acteurs qui l'agissent, et par la situation concrète toujours complexe dans laquelle l'action est initiée." (Susman und Evered, in : An Assessment of the Scientific Merits of Action Research, in: Administrative Science Quarterly, vol. 23, no. 4, 12/1978, S, 582-603). 

 

Aktionsforschung, Hermeneutik, Existentialismus und Phänomenologie

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Entsprechend ihrem positivismuskritischen Ansatz steht Aktionsforschung den wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Hermeneutik, des Existentialismus und der Phänomenologie nahe.

 

Hermeneutik

Handlungsorientierte Forschung steht dem Verständnis des hermeneutischen Zirkels nahe. Die Idee des hermeneutischen Zirkels ist, dass jedes Verständnis und Erkennen bereits geprägt ist durch ein im historischen und sozialen Umfeld gewachsenen Vorverständnis. Forscher und Forschungsgegenstand also nicht im positivistischen Verständnis als von einander unabhängig, sondern sich gegenseitig beeinflussend.

"Its most important contribution to action research is its concept of the hermeneutical circle. The idea of the circle is that no knowledge is possible, without presuppositions.." (Susman und Evered, a.a.O.)

 

Existentialismus

Nach Susman und Evered (a.a.O.) teilen Aktionsforschung und Existentialismus die Bedeutung, die sie der freien menschlichen Entscheidung beimessen:

 

"... both assert the importance of human choice, and both avoid giving traditional causal explanations of human actions... Central to the existential position is the theme that behind every action, individual choice is based on the human interest." (Susman und Evered, a.a.O.)

 

Phänomenologie

"Quant à la phénoménologie, appliquée en sciences sociales entre autres par Lewin, elle insiste 'on the primacy of immediate subjective experience as the basis of knowledge' " (Goyette/Lessard-Hebert: La recherche-action, Quebec 1987)

 

"Afin de parvenir à une juste compréhension du phénomène humain, le chercheur ne peut pas se borner à une approche de pure objectivité telle qu'elle a été définie par les sciences de la nature à la fin du dix-neuvième siècle; les contenus subjectifs du phénomène humain sont partie constitutive de la réalité étudié... Dans cette perspective le chercheur ne met pas sa subjectivité entre parenthèses; au contraire, il l'investit dans la recherche." (Angers und Bouchard: Ecole et innovation, éditions N.P.H., 1978)

 

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